Gelebte Wahrheit – Band 2

Leseprobe

Kapitel 8 – Sich nicht runterziehen lassen

Kaum war Renate zwei Tage auf Mallorca, erhielt sie einen Anruf von ihrem Noch-Ehemann Max. Er war ins Krankenhaus eingeliefert worden mit Verdacht auf einen Herzinfarkt. In zwei Tagen würde er aus dem Krankenhaus entlassen werden und er bat sie, ihm in dieser schwierigen Situation beizustehen. Er schilderte wortreich, wie er „haarscharf dem Tod von der Schippe gesprungen ist“ und welche Komplikationen nun auftreten könnten. „Ich habe doch niemanden sonst, den ich fragen kann“, klagte er dramatisch. Nach einem Telefonat mit ihrer Tochter wusste Renate, dass es nicht ganz so schlimm war und dass er auch Jana bereits genervt hatte, ob sie nicht ein paar Tage bei ihm bleiben könnte. „Ich bin schwanger und habe mit mir genug zu tun“, sagte Jana. „Wenn er sich nicht so hineinsteigern würde, wäre das besser für ihn. Ich hole ihn vom Krankenhaus ab, mache ihm den Kühlschrank voll und den Rest muss er allein auf die Reihe kriegen. Bleib du mal schön, wo du gerade bist.“

Nun hatte Renate zu tun, um ihre gute Urlaubsstimmung nicht kippen zu lassen und kein schlechtes Gewissen zu haben, weil es ihr gut ging. Allein die Vorstellung, mit ihrem Mann auch nur einen Nachmittag in seinem kleinen Ein-Zimmer-Appartement verbringen zu müssen, bereitete ihr Schweißausbrüche. Er konnte so hypochondrisch sein! Ihr Gefühl sagte ihr, dass er weniger eine Hilfe brauchte, als dass er sie erpressen wollte. Sie sollte sich um ihn kümmern, wenn er krank war. Wahrscheinlich würde es nicht bei diesem einen Mal bleiben.

Hanne und sie gingen erst einmal wandern. Sie fuhren ein Stück mit dem Bus und gingen an der Küste entlang bis hinunter nach Deja. Schon oben am Berg mit dem einmaligen Blick war Renate wieder voller Zuversicht. Sie setzten sich auf einen Stein und schauten aufs Meer. Hier oben konnte sie sich geistig aus dem Zwist mit Max herausziehen. Mit Abstand betrachtet blieb natürlich schon die Frage, wie sie das in Zukunft handhaben wollte, wenn er oder sie einmal auf Hilfe angewiesen wären.

„Wie denkst du eigentlich darüber? Was hast du vor, wenn du einmal nicht mehr allein zurechtkommen solltest?“, fragte sie Hanne. „Oh, da habe ich sehr konkrete Vorstellungen. So viel will ich dir verraten: Ich habe mit zwei Optionen vorgesorgt. Das habe ich nur getan, um meinen Verstand zu beruhigen. Jetzt, heute, hier, tue ich erst einmal alles, um gesund zu sein. Das ist kein Ausweichen, sondern pure Selbstfürsorge. Ich schließe mich mit Menschen zusammen, die mich nicht runterziehen. Das hat mit Krankheit oder Alter gar nichts zu tun. Es gibt Gesunde und Junge, die runterziehen und es gibt Alte und Kranke, die das nicht tun.“

„Das hört sich theoretisch richtig an und praktisch schwierig“, sagte Renate.

„Für mich ist das reine Übungssache und erfordert tägliche Praxis. Wenn du einen Marathon laufen willst, beginnst du auch nicht mit vierzig Kilometern. Die Welt zieht uns tendenziell eher runter. Die Menschen, die uns guttun, muss man suchen.“ Mit diesen Worten stand Hanne auf und ging weiter, ohne sich noch einmal umzudrehen. Renate sog ein letztes Mal den wunderbaren Ausblick in sich ein und folgte ihr.

Gelebte Wahrheit der späten Jahre – Band 2 einer Trilogie


Short Novel, Hardcover, 80 Seiten – 18 EUR – ISBN-978-3711503855
Kurze Kapitel, an einem Sonntagnachmittag zu lesen und trotzdem so tiefgehend, wie ein dickes Buch.

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